Vor dem dritten großen Krieg erzählten sich die Menschen, die damals
noch so zahlreich waren, daß sich solche Geschichten wie von selbst verbreiteten, die
Fabel vom Gipfeltreffen:
Nach langen Vorbereitungen und unendlichen sogenannten
Sicherheitsmaßnahmen trafen sich der östliche und der westliche Machthaber von Mann zu
Mann, nicht auf dem Bildschirm und nicht so, daß sie sich nur sprechen hörten und sahen,
sondern wirklich so, daß einer den anderen sprechen spüren konnte. Da sprach der
östliche Machthaber vom Sozialismus, der westliche aber sprach von der Freiheit.
Da schämten sich beide so, daß sie sich verkrochen und nie wieder
gesehen wurden.
"Wer?" fragte man beim Hören der Fabel: "Die beiden
Machthaber?"
"Nein", war die Antwort: "Die Freiheit und der
Sozialismus."
Wer die Fabel glaubte, der wurde Pessimist genannt. Wer aber glaubte,
die beiden Machthaber hätten nur ihre Themen miteinander vertauschen müssen, dann wäre
alles besser geworden, den nannte man damals Optimist.
Quelle: Erich Fried "Das Unmaß aller Dinge. Erzählungen." Berlin
1990.
