Ein deutscher Schriftsteller, der keine schlechte Meinung von sich
hatte, wurde gefragt, ob er gerne mit dem Präsidenten der Vereinigten Staaten Platz
tauschen würde. Er versank in tiefes Nachdenken.
"Einerseits ja", meinte er dann. "Auf kurze Sicht
betrachtet, hätte ich eigentlich sogar die Pflicht mit ihm zu tauschen. Ein Atomkrieg
würde dann ganz sicher vermieden werden. Hunderte Millionen Menschen, die jetzt in Gefahr
sind, blieben auf jeden Fall leben. Auch gegen den Hunger in Asien und Afrika und in
Südamerika wüßte ich etwas besseres als die bloße Förderung der freien
Marktwirtschaft. Andererseits aber
" Er schüttelte zweifelnd den Kopf.
"Was wäre andererseits?" fragten wir ihn. "Was könnte
dagegen überhaupt noch ins Gewicht fallen?"
Er sah uns lange an: "Das ist gar nicht so einfach. Bedenkt doch
nur: Dann wäre dieser Mensch an meiner Stelle ein Schriftsteller. Stellt Euch vor, was
der zusammenschreiben und bei seinem Fimmel für ein großes Publikum dann sicher auch
veröffentlichen würde. Ich weiß, Literatur wirkt nicht so unmittelbar wie Atombomben,
aber dafür ist ihre Wirkung doch nachhaltig, oft über Jahrhunderte hin. Nein, es ist
nicht auszudenken, was für ein Unglück da auf lange Sicht herauskommen könnte."
Um eine Hoffnung ärmer verabschiedeten wir uns von ihm.
Quelle: Erich Fried "Das Unmaß aller Dinge.
Erzählungen." Berlin 1990.
